Sagen und Geschichten aus der Gemeinde Hilgermissen

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In der Mitte der vorigen Jahrhunderts sammelte der Eitzendorfer Volksschullehrer Hermann Vespermann Sagen und Geschichten, die man sich in den hiesigen Dörfern erzählte, und hielt sie für die Nachwelt fest. Leider hat er in der Regel nicht die plattdeutsche Originalversion aufgeschrieben, die kleinen Erzählungen aber doch immerhin mit allerlei niederdeutschen Schnacks und Sprüchen garniert, die auch heute ihre drastisch-komischen Wirkung nicht verfehlen. Wie in allen anständigen Sagen und Geschichten geht es darin um verborgene Schätze, Teufelshunde, versetzte Grenzsteine und geizige Bauern, die Schätze vergraben oder Grenzsteine versetzen und dabei von Teufelshunden gepiesackt werden. Erwähnte ich das Liekenhohn („Leichenhuhn“, ein alter Name für das Käuzchen), das immer dann seine Rufe ertönen ließ, wenn Freund Hein wieder an die Türen des Dorfes klopfen wollte...? Unser Dank gilt der Familie Vespermann, die uns freundlicherweise erlaubt hat, die Geschichten aus dem Nachlass des verstorbenen Pädagogen an dieser Stelle zu veröffentlichen.

Irgendwo tief im Wiethöpen, so sagen die alten Leute, kam zu bestimmten Zeiten nach Sonnenuntergang ein Topf mit Gold hoch. Ein Bauer im Dorf, der um Ort und Tag dieses Vorganges wusste, verabredete sich mit zwei Freunden, den Schatz zu heben. Aber schweigen wollten sie! Nie und nimmer würden sie's schaffen, wenn einer von ihnen auch nur ein Wort fallen ließe. So machten sich denn die drei eines Abends im Herbst, als Knick und Hestern ihr rotes Sterbekleid trugen, auf den Weg. Bei der Stätte angelangt, hieben sie mit der Axt das Buschwerk beiseite und gruben ein tiefes Loch in die Erde. Schon wollten sie enttäuscht innehalten, – da blinkte und gleißte es wie pures Gold aus der Tiefe und kam sachte, sachte hoch... Ihr Herz tat einen Sprung: wahrhaftig, das war der Mühe wert! – Aber, o Graus, was war denn das?! Jäh schauten die drei Bauern rückwärts. Ein seltsames Gespann kam dahergepoltert: Zwei Ziegenböcke zogen einen Wagen, und der war beladen mit einer mächtigen Fuhre Dornen, und darauf hockte ein gut wunderlicher Kerl mit fuchsrotem Bart und einer meterlangen Nase. Den drei Männern puckerte das Herz im Leibe, sie standen wie gelähmt. Der unheimliche Kerl hielt die Ziegenböcke an, kletterte schweigend von seinem hohen Sitz herab, humpelte auf die Grube zu, streckte seine gräsig lange Nase in das Loch und rief höhnisch lachend: „Dat heet ick 'n Näs!“ Das erwachte in den Männern die Gier nach dem Golde. Blitzschnell ergriff einer von ihnen die Axt, holte aus, schlug und schrie: „Dat heet ick 'n Brill!“ – – „Klink!“ sä de Pott un sack tohop! Und urplötzlich verschwunden war auch das wunderliche Gefährt.

 

 

Anmerkung: Dies ist eine äußerst interessante Geschichte, denn offensichtlich tritt in ihr der alte germanische Wetter- und Donnergott Donar (oder skandinavisch: Thor) auf, der in der nordischen Überlieferung einen langen, roten Bart trägt und mit einem von Ziegenböcken gezogenen Wagen durch die Lüfte fährt. Auch die Dornen sprechen für diese Deutung, denn die Dornen-Rune wurde manchmal auch als Symbol für Thors Hammer interpretiert – beinahe 1200 Jahre waren seit der Christianisierung Norddeutschlands vergangen, als Hermann Verspermann um 1950 die alten Volkserzählungen sammelte, und doch wurde immer noch von den alten Göttern erzählt...!

Ein junger Mann aus Eitzendorf, der in Dahlhausen bei einem Bauern diente, hatte den Sonntag wieder einmal bei seiner Mutter auf dem Zamoor verbracht. Es war schon spät am Abend, als er aufbrach. Das Bündel sauberer Wäsche unter dem linken Arm, den dicken Eichenknüppel in der rechten Hand, so stapfte er seinen Weg durch die Weiden zwischen den Knicks dahin. Der Wind trieb düstere Wolken vor dem Mond vorüber, in den Kopfhestern raschelte das dürre Eichenlaub, und irgendwo rief ein Kauz. Der Bursche war schon an der Eitzendorfer Grenze, da erschrak er: Hinter den drei hohen Ellern jenseits des Grabens – hu, was war das...? Er sah den Schatten eines Pferdes, eines Pfluges und eines Bauern hin- und herhuschen. Er hörte deutlich den Bauern rufen, das Pferd schnaufen und den Pflug knirschen und poltern... Den jungen Knecht packte die kalte Angst. Er lief, was er laufen konnte, auf die Dahlhauser Straße zu und war froh, als er endlich aus dem Dorfe einen Hund bellen hörte. – Als er am nächsten Morgen erzählte, was er erlebt hatte, wurde er alles gewahr: Er hatte den Bauern gesehen und gehört, der in derselben Herbstnacht und an der gleichen Stelle vor langen Jahren den Grenzstein versetzt und fremdes Land abgepflügt hatte und zur Strafe dafür nach seinem Tode keine Ruhe finden konnte.

Hinten in den Schlichten liegt hart an einem breiten Fahrwege ein Stück Ackerland, wo das Korn wie unklug wächst. Um diesen Acker würden die Pächter sich reißen, wenn das Feld nicht seinen Spuk hätte. Alljährlich, wenn der Wind wieder über die Stoppeln fährt, kommt in der Nacht aus der Erdtiefe ein leises Jammern und Stöhnen. Was ist das bloß?

Es war einmal ein Mann, der hing so am Irdischen, dass sein Herz nur eine helle Freude kannte: die mit Getreide vollgestopfte Scheune. Und er hatte auch einmal den Wunsch laut werden lassen, man möchte ihn nach seinem Tode unter seiner Scheune begraben. Bald darauf nahm ihm der Tod in einem Graben am Wührdener Holz den Atem, und die Leute begruben den Menschen unter der Scheune. Von nun an spielte der Spuk mit dieser Stätte. Jahr um Jahr, mählich, mählich sackte die Scheune. Zuletzt war sie so tief gesunken, dass knapp eine Maus darin stehen konnte.

Nur zur Warnung gedeiht hier das Korn so üppig, nur zur Erinnerung an den Mann, dem die volle Scheune, die einzige Lust seines Lebens, im Grabe so schwer auf der Brust liegt.

Wenn auf dem Kolkhofe in Hilgermissen das Räderwerk der alten Mühle knarrte, dann dachte der Müller immer an das Wort seines Großvaters: „Junge, wenn der Möhl'n knarrt und dat Liekhohn blarrt, denn is de Düwel dot, de bi dat gol'ne Spinnrad sitt. Dat is dor twischen den beid'n grot'n Wiehenböm'n an'n Kolk ünnergahn. Denn graaw, solange als de Möhl'n knarrt un dat Liekhohn blarrt, öwer stöt nich an dat Rad!“

Nun war es einmal in der Erntezeit. Der Müller war schon sehr früh aufgestanden. Er trat vor die Tür. Da, horch! Leise fingen die Räder der Mühle an zu knarren, und von der Ahe her schrie das Käuzchen durch den stillen Morgen. Jetzt wusste der Müller, was er zu tun hatte. Er lief ins Haus, rief seine Frau, und beide gruben aus Leibeskräften nach dem versunkenen Schatze. Und richtig! Bald trafen sie auf eine kleine Erdhöhle, in der ein goldenes Spinnrad funkelte und der Teufel wie tot daneben lag. Nur an einer Seite saß das Rad noch im Erdreich fest. Annemarik – so hieß die Müllerin – ging sofort ans Werk, um das Gold vollständig frei zu machen. Aber sie dachte in ihrem Eifer nicht an das Wort ihres Großvaters: „Öwer stöt nich an dat Rad!“ Denn kaum hatte sie das Spinnrad berührt, als es vor ihren Augen in die Tiefe sank und mit ihm der Teufel, der auf einmal lebendig wurde, sich reckte und streckte und die beiden Schatzgräber mit glutroten Augen anstierte. Mit Entsetzen sahen die Müllersleute den Schatz verschwinden.

„Lat us nochmal!“ sagte Hinnerk. Wieder gruben beide, gruben und gruben! Schon wollten sie die offenbar ergebnislose Arbeit aufgeben, als plötzlich das Rad wieder sichtbar wurde, und wieder lag sein schwarzer Hüter regungslos daneben. „Vörsichdig! Vörsichdig!“ flüsterte Hinnerk und ahnte nicht, dass er mit seinem Spaten an das andere Ende des Rades stieß. Wieder versank es, und wieder lebte der Böse auf. Man erzählt sich, dass die Müllersleute es noch sieben Mal versucht hätten, den Schatz zu heben, aber jedes Mal sei der Versuch missglückt.

Die beiden Weiden sind längst nicht mehr vorhanden, auch die Mühle steht nicht mehr auf dem Kolkhofe, und die Stelle, wo das goldene Spinnrad tief, tief in der Erde liegt, weiß niemand mehr! Aber das Käuzchen schreit noch immer und hält die Erinnerung an das goldene Spinnrad wach.

Im Wecholder Turme hingen vorzeiten zwei Glocken, die stets gemeinsam, zum Gottesdienst riefen und den müden Erdenpilgern das letzte Lied sangen. Eines Tages aber, so erzählt die Sage, als die warmen Sonnenstrahlen ins Schallloch fielen, als drunten im Lande der Menschen der Sommer mit seinen Blumen und Vögeln den Einzug gehalten hatte und von der „Horst“ her ein leiser Wind in den dicken Eichen des „Sünders“ sein Lied flüsterte, da sagte die kleine Glocke zu ihrer großen Schwester: „Bimbam, wult du mit? Ich will hennut, wo de Blom'n bleihet und de Vagels singt un de fliedigen Minschen dorbi öhre Arbeit doht. „Nee“, säh Bimbamn, „ick hew keene Tied, ick möt noch veele Lüe nah Kerk'n rop'n un möt noch hunnert Dode belüen“!

Als die Johannisnacht kam, sagte Bimmelbammel: „Kling – klang!“ und flog mit einem großen Schwunge zum Schallloch hinaus übern „Brink“ und dann nach dem Wührdener Holze zu. Am Alveser See konnte Bimmelbammel nicht mehr, wollte ausruhen und setzte sich auf der Wiese zwischen bunten Blumen nieder. Aber o weh! Mit einem Male sank der Boden unter ihr, und Bimmelbammel musste mit hinunter in die Erde. Über ihr aber füllte der See die entstandene Kuhle mit Wasser. Der Teufel war es gewesen, der die Glocke hinabgezogen hatte. Hiewr unten wollte er sie bewachen, damit sie nie wieder zum Gottesdienst läuten könne. Die Wecholder trauerten von der Zeit an um die verlorene Glocke, und niemand wusste, wo sie geblieben war.

Nach einem Jahr – es war wieder in der Johannisnacht – kam der alte Kuhhirt von Wührden an der Kuhle vorbei. Vom Magelser Kirchturme schlug es eben zwölf. Da horch! Täuschte er sich, oder war es Wirklichkeit? Aus der Tiefe der Kuhle hörte er dumpfe Töne. Er lauschte und verstand nun deutlich folgende Worte:

„In die Johannisnacht bün ick to lösen,
Dree Johanns möt't wesen
Dree Johanns möt't swieg'n,
Denn könnt se mi krieg'n!“

Der Mann erzählte überall sein Erlebnis. Es war kein Zweifel, das musste die Wecholder Glocke sein, die aus der Kuhle gerufen hatte. Als die nächste Johannisnacht kam, fassten drei Johanns aus Wechold Mut und stiegen um Mitternacht hinab in den See. Kaum waren sie einen Klafter tief, da sahen sie neben ich auf einem Tische die Glocke stehen. Aber unter derselben lag ein großer, schwarzer Hund, der gewaltig knurrte, und seine Glutaugen verrieten, dass die Arbeit für die drei Männer nicht leicht sein würde. Trotzdem gingen sie tapfer ans Werk. Da erhob sich der unheimliche Wächter und ging im Kreise um die Drei herum. Jetzt sahen sie deutlich, dass es der Teufel selbst war. Lautlos – das hatten sie sich vorher gelobt – sollte alles vor sich gehen. Als sie die Glocke in die Höhe brachten, hielt der Böse sein Spiel für verloren. Jetzt umkreiste er die Männer immer schneller und sagte auf seine lange, krumme Nase deutend: „Dat heet ick awern Näsen! Dat heet ick awern Näsen!“ Widerlich grinsend zog er Kreis um Kreise. Diese lächerliche Schauspiel wurde bald einem der drei Johanns zu viel. Er nahm seinen Spaten und versetzte dem schwarzen Teufelshunde mit aller Wucht einen Schlag auf die komische Nase mit den Worten. „Dat heet ick awern Brill!“ Das eben hatte der Teufel gewollt! Mit einem traurigen, wehmütig-jammernden Klange versank die Glocke in eine grausige Tiefe, in die niemand mehr hinabsteigen konnte.

Wenn aber die Magelser in der Mitternachtsstunde der Johannisnacht an der Glockenkuhle vorbeikommen, glauben sie noch immer, aus der Tiefe den Ruf zu hören:

„Worüm hebbt de dree Olen
Dat Mul nich holen?
Nu ligg ick so siet
Up ewige Tied!“